Nach unserem Aufenthalt in Ciudad del Este setzten wir unsere Radreise in Paraguay fort und machten uns auf den Weg Richtung Dr. Juan Emiliano O’Leary – von den Einheimischen meist einfach „Dr. Juan“ genannt. Unterwegs begegneten wir dabei Orten, die uns völlig unerwartete Einblicke in Paraguays kulturelle Vielfalt boten.
Yguazú – Japanische Kolonie entdecken
Unser erster Halt war Yguazú im Alto Paraná Department. Die Stadt wurde 1961 von japanischen Einwanderern gegründet und ist bis heute für ihre japanische Kultur und Architektur bekannt. Eigentlich hatten wir Yguazú gar nicht auf dem Schirm – der Ort lag zwar direkt auf unserer geplanten Route, doch wir bemerkten erst am Morgen unseres Pausentages beim Frühstück im Hotel, dass uns einige Gebäude auf den Fotos dort stark an Japan erinnerten. Aus Neugier recherchierten wir ein wenig und entdeckten erst so, dass es sich tatsächlich um eine japanische Kolonie handelt.
Besonders eindrücklich war unser Besuch in einem japanischen Restaurant, wo wir nicht nur traditionelles Essen probieren konnten, sondern auch Einheimische trafen, die japanischer Abstammung sind. Für uns war es faszinierend zu erleben, wie sehr die japanische Kultur hier gepflegt wird.
Dr. Juan – Deutscher Kontakt auf der Radreise
In Dr. Juan fanden wir ein kleines Hotel, dessen Besitzer überraschenderweise Deutsch sprach. Er erzählte uns, dass ein Teil seiner Familie in der deutschen Kolonie Colonia Sommerfeld lebt.
Wir entschieden uns spontan, zwei Nächte zu bleiben, um den kleinen Ort in Ruhe zu erkunden. Viel gab es dort zwar nicht zu sehen, doch die Begegnung und die ruhige Atmosphäre machten den Aufenthalt besonders.
Caaguazú – Selbstversorgung und Begegnungen
Am gleichen Tag erreichten wir Caaguazú und checkten in eine Unterkunft mit Gemeinschaftsküche und einem Doppelzimmer mit drei Betten sowie eigenem Bad ein. Wir kochten mit unserem eigenen Gaskocher, da wir mit dem Gasherd vor Ort nicht zurechtkamen.
Während des Kochens lernten wir einen Gast kennen, der mit zwei kleinen Kindern dort wohnte und überraschend gut Deutsch sprach. Er erzählte, dass er während der Corona-Zeit aus Deutschland ausgewandert war und zunächst in der Kolonie Independencia gelebt hatte, bevor er nach Encarnación zog. Er gab uns Tipps für die Route: Independencia sei landschaftlich schön, aber für Radfahrer ohne besondere Ziele eher unspektakulär. Daher entschieden wir, direkt nach Encarnación weiterzufahren.
Paso Yobai – Herausfordernde Radstrecke
Die Strecke nach Paso Yobai war anspruchsvoll: 20 Kilometer über rote Sandwege, Kopfsteinpflaster und wechselnde Untergründe. Dazu kamen neugierige Hunde aus den Höfen, die wir geschickt umgingen. Anfangs fragten wir uns, ob wir den Campingplatz noch erreichen würden – am Ende schafften wir es, und die Anstrengung lohnte sich.
Campingplatz Paraguay – Ruhe, Tiere und Projekte
Wir blieben gut anderthalb Wochen auf dem Campingplatz Paraguay, da wir uns mit den Besitzern sehr gut verstanden. Für sie drehten wir ein Video, und im Gegenzug konnten wir einige Nächte kostenlos dort übernachten – eine perfekte Lösung, um Energie zu tanken.
Auf dem Platz lebten einige zutrauliche Katzen, mit denen wir uns richtig gut anfreundeten und die wir zwischendurch immer wieder streicheln konnten. Außerdem wohnt dort ein Papagei, der den halben Tag über immer wieder mit leicht kindlicher Stimme „Hola“ ruft. Ganz am Anfang dachten wir noch, da spricht ein Kind irgendwo herum, bis wir merkten, dass es der Papagei war – da mussten wir beide erst einmal schmunzeln.
Da wir die Sprache der Besitzer nur wenig beherrschten – sie sprachen fast nur Spanisch und wir fast nur Deutsch, Annkathrin konnte nur ein paar Wörter – nutzten wir einen Übersetzer, um die Kommunikation zu erleichtern. So konnten wir problemlos das Video schneiden und andere Aufgaben erledigen, die die Besitzer für uns vorbereitet hatten. Die Lösung funktionierte einwandfrei und machte die Zusammenarbeit angenehm und unkompliziert.
Die ruhige Zeit nutzten wir auch, um an unseren Projekten wie Webseite und Videos zu arbeiten. Dank guter Internetverbindung und Stromversorgung ging das gut voran. Wir waren fast die einzigen Gäste, nur am Wochenende kamen ab und zu Besucher, die den Pool nutzten. Dadurch fühlten wir uns schnell heimisch.
Es war außerdem spannend zu beobachten, wie die Besitzer nach und nach alles noch schöner machten: Pool reinigen, kleine Verbesserungen und Vorbereitungen für die neue Saison. Wir konnten auf unsere Weise auch ein bisschen beitragen, indem wir ihnen Reichweite verschafften. Die Natur rund um den Campingplatz und das Zelten hatten wir zuvor vermisst, da wir fast nur in Hotels übernachtet hatten. Es tat gut, wieder auf Campingplätzen zu sein, und wir freuen uns, diese Erfahrung auf der weiteren Radreise Paraguay öfter machen zu können.
Einziger Wermutstropfen: Annkathrin hatte in der ersten Woche Husten und Schnupfen, konnte sich aber in Ruhe auskurieren.
Mit dem Fahrrad nach Melgarejo
Nachdem wir einige Tage auf einem Campingplatz in der paraguayischen Stadt Paso Yobai verbracht hatten – bekannt für ihren Yerba-Mate-Tee – packten wir wieder unsere Fahrradtaschen. Eigentlich wollten wir von dort aus weiter über kleine Dörfer radeln. Doch schon der Weg zum Campingplatz war größtenteils so schlecht, dass wir wenig Lust hatten, noch mehr Strecken mit einer Mischung aus Sandpisten und alten Kopfsteinpflasterstraßen zu bewältigen.
Bei der Routenplanung entdeckten wir auf unseren Navigationsapps einen eingezeichneten Radweg auf einer alten Bahntrasse, der ab Villarrica beginnen sollte. Die Idee gefiel uns – also entschieden wir uns, über Melgarejo dorthin zu fahren.
Der Weg dorthin war besser als erwartet: durchgehend geteert, ruhig und mit schönen Landschaften entlang der Strecke. Doch bald wurde es trotzdem anstrengend – diesmal nicht wegen der Straßen, sondern wegen der Technik.
Auf dem Campingplatz hatten wir zuvor unsere Fahrradketten gewechselt. Kaum waren wir losgerollt, merkten wir, dass die neue Kette immer wieder raussprang. Nach gerade einmal 300 Metern hielten wir an, kürzten die Kette um ein paar Glieder – ohne Erfolg. Nach einem weiteren Kilometer gaben wir erneut Halt, bauten die Kette wieder in der ursprünglichen Länge ein, aber das Problem blieb. Jeder Anstieg wurde zur Geduldsprobe.
Trotz allem und obwohl es ständig auf und ab ging, erreichten wir schließlich Melgarejo. Dort entschieden wir uns spontan, zwei Nächte zu bleiben, da wir in Villarrica zu einem Fahrradladen wollten, um das Problem endlich professionell lösen zu lassen. Der Laden hatte samstags nur bis zum frühen Nachmittag geöffnet, und sonntags sowieso geschlossen. Also nutzten wir die Zeit, um uns ein wenig zu erholen.
Am Pausentag in Melgarejo entdeckten wir einen kleinen Dorfladen – und was für eine Überraschung! Die Inhaber sprachen Deutsch, und das Brot im Regal war kein typisches weiches Weißbrot, sondern selbst gebackenes Roggenbrot mit Körnern – wie man es aus Deutschland kennt. Wir konnten nicht widerstehen und deckten uns mit einem Laib Roggenbrot und zwei ofenfrischen Laugenbrötchen ein, dazu noch ein paar hausgemachte Aufstriche. Ein Stück Heimat mitten in Paraguay – und das nach Wochen voller Reis, Nudeln und Weißbrot.
Unerwartete Entdeckung auf dem Weg nach Villarrica
Nach dem kleinen Pausentag machten wir uns wieder auf den Weg Richtung Villarrica. Die Strecke führte uns vorbei an Feldern, kleinen Ortschaften und sanften Hügeln. Trotz der weiterhin störrischen Ketten genossen wir die Fahrt – bis wir auf einmal etwas entdeckten, das wir gar nicht erwartet hatten: das Castillo Enchauri.
Neugierig hielten wir an und beschlossen, uns das Schloss genauer anzusehen. Der Eintritt war mit umgerechnet etwa 7,50 € für uns beide völlig in Ordnung. Während wir unsere Räder an der kleinen Holzhütte der Ticketverkäufer lehnten – die netterweise ein Auge darauf hatten – spazierten wir neugierig durch das Gelände.
Das Castillo Enchauri wirkt heute renoviert und gepflegt. Es stammt aus der Kolonialzeit und wurde im 20. Jahrhundert von einer wohlhabenden Familie erbaut, die europäische Architektur nach Paraguay bringen wollte. Die klaren Linien, die gepflegten Fassaden und die liebevollen Details der Innenräume vermitteln einen Eindruck von Eleganz und Stil. Das Schloss liegt eingebettet in eine grüne Umgebung und vermittelt sowohl Geschichte als auch einen Hauch von Exklusivität.
Nach der Besichtigung schnappten wir unsere Räder wieder und fuhren weiter – immer noch mit unseren hartnäckigen Kettenproblemen. Uns dämmerte langsam, dass wohl das Zahnkranzpaket nicht mehr zu den neuen Ketten passte.
Was wir in Villarrica machten
In Villarrica angekommen, checkten wir für sechs Nächte in einem Hotel ein. Zum einen, weil Regen und Gewitter angesagt waren, zum anderen, weil wir das Kettenproblem endlich lösen wollten.
Am Montagmorgen brachten wir unsere Fahrräder zum Fahrradladen – und der Besitzer bestätigte unsere Vermutung: Das Zahnkranzpaket musste tatsächlich ausgetauscht werden. Er bestellte die passenden Teile, und am Mittwochabend konnten wir schließlich zusehen, wie er sie fachmännisch montierte. Schnell wurde klar, dass er das nicht zum ersten Mal machte – und dass uns dafür unterwegs schlicht das passende Werkzeug fehlte.
Nach einer kurzen Testfahrt lief alles wieder rund! Die Ketten saßen perfekt, und das Fahren fühlte sich endlich wieder leicht an. Für den gesamten Austausch – inklusive Arbeitszeit – zahlten wir rund 440.000 PYG, also etwa 54 € für beide Fahrräder. Ein absolut fairer Preis für die Arbeit und die neuen Teile.
Die restlichen Tage in Villarrica nutzten wir, um an unseren Projekten zu arbeiten, uns ein wenig die Stadt anzusehen und die Regenpausen auf dem Balkon zu genießen – diesmal ganz ohne Kettensorgen.




![Herausfordernde Schleife mit dem Fahrrad: Via Verde, Baustellen und Berganstiege [#27]](https://zweiaufrad.de/wp-content/uploads/2025/06/zweiaufrad-ausblick-berge-2.webp)
